Wie ich innere Balance wiederfinde
Vegan zu leben ist mein natürlicher Weg. Es fühlt sich normal an und gehört zu meinem Alltag – so, wie ihn jeder für sich kennt. Für mich bedeutet es, hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen: für mein eigenes Handeln, meine Entscheidungen und meinen Konsum.
Je bewusster ich wurde, desto klarer erkannte ich Zusammenhänge und bemerkte Auswirkungen, die mir früher entgangen sind. Das betrifft meinen eigenen Alltag ebenso wie das, was in der Welt geschieht – besonders dort, wo Tiere betroffen sind.
Das Leben als Veganerin in einer nicht-veganen Welt bringt Herausforderungen mit sich. Es gibt Momente, in denen mich dieses Bewusstsein – oder vielmehr die Erkenntnisse daraus – müde macht. Es ist dieses Gefühl von scheinbarer Machtlosigkeit angesichts des Tierleids, das wir Menschen verursachen.
Wenn Mitmenschen erfahren, dass ich vegan lebe, kommt fast immer die gleiche Frage: „Vegan … das stelle ich mir schon schwer vor, oder?“
Vegan zu leben ist per se nicht schwer. Für mich fühlt es sich leicht und befreiend an.
Aber JA – es gibt Aspekte, die manchmal schwer wiegen.
Zum besseren Verständnis möchte ich einige Beispiele aus meinem Alltag teilen:
- Immer wieder hinterfragt zu werden und als die „Komische“ zu gelten – nur weil man sich nichts sehnlicher wünscht, dass alle Tiere leben dürfen. Ohne Angst. Ohne Leid. Ohne vom Menschen ausgebeutet, gequält oder getötet zu werden.
- Menschen, die rauchen und Alkohol trinken, zu erklären, dass vegane Lebensmittel nicht automatisch ungesund und „voller Chemie“ sind.
- Akzeptieren zu müssen, dass geliebte Menschen ein System unterstützen, das einen selbst belastet.
- Zu sehen, dass die Menschen mit der Rettung eines gestrandeten Wals mitfühlen – und gleichzeitig Fisch essen.
- Das Gefühl zu haben, mit dem Wissen über das tägliche Tierleid allein zu sein.
- Zu begreifen, wie Menschen ihrem Hund unter dem Tisch Zuneigung schenken, während sie auf dem Tisch ein Steak schneiden.
- Zu sehen, wie Kinder ganz selbstverständlich Mitgefühl für Tiere empfinden – bis man ihnen beibringt, bei manchen wegzuschauen.
- Zu hören, wie von „glücklichen Tieren“ gesprochen wird, während ihre Realität konsequent ausgeblendet wird.
- Zu sehen, wie Werbung Fleisch als das Normalste der Welt inszeniert – und niemand zeigt, was davor passiert.
- Sätze wie „Das war schon immer so“ – als würde Vergangenheit automatisch rechtfertigen, was wir heute tun.
- Zu sehen, wie im Glauben Mitgefühl und Nächstenliebe gepredigt werden – und gleichzeitig Traditionen gepflegt werden, die das bewusste Ausbeuten und Töten von Tieren voraussetzen.
- Zu erleben, wie Lippenstift für Schönheit steht – während dafür Augen von Tieren im Labor verätzt werden.
- Zu sehen, wie von Gesundheit gesprochen wird – und zu wissen, dass dafür Tiere im Verborgenen leiden, gequält und getötet werden.
Wenn Mitgefühl schwer wird
Mitgefühl bedeutet für mich, aufmerksam zu bleiben – für mein eigene Leben und für das, was um mich herum geschieht. Gleichzeitig bringt diese Offenheit mit sich, dass ich Dinge nicht mehr einfach übergehen kann. Bilder, Informationen oder Gespräche wirken nach und berühren mich tiefer als früher.
Es gibt Zeiten, in denen mich dieses bewusste Wahrnehmen erschöpft, weil diese Aufmerksamkeit Energie kostet. Je klarer mein Blick wurde, desto wichtiger wurde es für mich, bewusst Pausen zu erlauben und meine eigenen Grenzen zu respektieren.
Ich sehe diese Sensibilität heute als Teil meines Weges. Sie erinnert mich daran, warum mir Mitgefühl wichtig ist – und warum es gleichzeitig Ausgleich braucht.
Neue Kraft schöpfen
Bei all dem Leid, das Tieren widerfährt, gibt es auch sehr vieles, das schön und intakt ist. Genau diese Momente geben mir Kraft.
Ich liebe es, allein durch den Wald zu spazieren. Manchmal sitze ich still auf einem umgefallenen Baum und beobachte das Leben um mich herum:
eine Amsel, die Blätter am Boden durchstöbert, ein Hase oder Reh, die kurz in meine Richtung blicken, um dann wieder ihres Weges zu gehen, der Specht, der beharrlich unter der Baumrinde nach Nahrung sucht.
Einfallenden Sonnenstrahlen, das Rauchen, dass der Wind in den Baumkronen hinterlässt oder kleine Blumen, die sich durch das Laub ihren Weg bahnen.
Diese Momente, erden mich und geben mir Ruhe und Freude zurück.
Egal, was mich zuvor aus der Balance gebracht hat – Traurigkeit, Wut oder Ohnmacht: das stille Beobachten oder der Blick in die Augen eines Tieres, lässt vieles leichter werden. Vögel, Katze, Hund, Kuh, Schwein, Schaf …, jedes dieser Geschöpfe gibt mir durch ihre Ruhe und Präsenz meine Zuversicht zurück.
Und Ich weiß wieder, warum es sich lohnt, weiterzugehen. Für Lebewesen einzustehen, die sich nicht selbst verteidigen können.
Schritt für Schritt
Ich habe mit der Zeit gelernt, dass nicht alles gleichzeitig Raum braucht. Aufmerksamkeit darf sich bündeln, und manches darf warten. Das klingt einfach – ist es aber nicht immer. Gerade wenn man bewusst lebt, fällt es manchmal schwer, klare Grenzen zu setzen.
Es gibt Tage, an denen mir das gelingt. Und andere, an denen ich merke, wie schnell ich wieder alles auf einmal tragen möchte.
Was mir hilft, ist die Erinnerung daran: Meine Entscheidungen wirken dort, wo ich sie treffen kann. Meine Haltung und mein Handeln im Alltag zählt. Veränderung entsteht nicht auf einen Schlag – sondern Schritt für Schritt.
Den Tieren eine Stimme zu geben, bedeutet für mich, dranzubleiben – still, konsequent und mit dem Vertrauen, dass auch kleine Schritte etwas bewegen können.