Fast 40 Jahre vegan aus Überzeugung
Es gibt Entscheidungen im Leben, die nicht laut beginnen.
Keine dramatische Szene. Kein einschneidendes Erlebnis. Kein plötzlicher Wendepunkt, der alles verändert.
Manchmal beginnt Veränderung leise. Mit einem Gefühl. Mein Weg zum Veganismus …
So war es bei mir.
Ich bin in den 70er Jahren in einem kleinen Ort nahe der bayrischen Grenze aufgewachsen – behütet, bodenständig und in einer Zeit, in der vieles selbstverständlich erschien. Tiere gehörten immer zu meinem Leben. Schon als Kind konnte ich keinem Lebewesen einfach gleichgültig begegnen. Ich trug Regenwürmer zurück ins Gras, kümmerte mich um verletzte Vögel und begrub tote Tiere im Garten, weil ich nicht wollte, dass sie einfach liegen bleiben.
Und gleichzeitig aß ich wie alle anderen Fleisch, Milchprodukte und Eier. Weil es „normal“ war.
Essen wurde nicht hinterfragt. Lebensmittel hatten auch noch einen anderen Stellenwert. Gemüse kam aus dem eigenen Garten, Fleisch vom Metzger im Ort oder vom Bauern, den man persönlich kannte. Niemand sprach über Tierethik, industrielle Landwirtschaft oder pflanzliche Alternativen. Man übernahm, was man kannte.
Heute weiß ich: Viele von uns wachsen nicht mit bewussten Entscheidungen auf – sondern mit Gewohnheiten.
Der Anfang einer inneren Veränderung
Im Teenageralter traf ich eine Entscheidung, die mein Leben verändern sollte.
Von einem Tag auf den anderen wollte ich nichts mehr essen, „was einmal ein Gesicht hatte“. So habe ich es damals beschrieben. Und obwohl ich noch nicht vegan lebte, fühlte sich diese Entscheidung richtig an. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, bewusster zu handeln.
Es gab keinen großen Auslöser.
Keinen Schockmoment.
Kein traumatisches Erlebnis.
Nur dieses Gefühl, das blieb.
Ein Gedanke, der immer wieder auftauchte und sich irgendwann nicht mehr verdrängen ließ. Genau dieses stille, aber konstante Hinterfragen beschreibt auch meine heutige Sicht auf Veränderung: Sie beginnt oft nicht im Außen, sondern im Inneren.
Mein Umfeld akzeptierte meinen vegetarischen Lebensstil damals erstaunlich unkompliziert. Ich bekam eben die Beilagen statt des Fleischs oder Käse statt Wurst. Veganismus war zu dieser Zeit kaum sichtbar – vegetarisch zu leben war bereits ungewöhnlich genug – aber ok. Trotzdem fühlte es sich für mich nicht wie Verzicht an. Sondern normal.
Warum vegetarisch für mich nicht das Ende war
Lange Zeit glaubte ich, ich hätte bereits die richtige Entscheidung getroffen.
Ich argumentierte wie viele andere heute auch: Für Milch müsse schließlich kein Tier sterben. Kühe müssten gemolken werden. Hühner würden ohnehin Eier legen. Ich wollte glauben, dass das genug sei.
Heute weiß ich, wie sehr ich mir damit selbst eine Wahrheit schön geredet habe.
Wenn ich heute an diese damalige Begründung zurückdenke, überkommt mich tiefe Scham. Nicht, weil ich mich für den Menschen verurteile, der ich damals war – sondern weil ich erkenne, wie blind und naiv ich die Realität betrachtet habe. Ich wollte Mitgefühl leben und habe dennoch Dinge ausgeblendet, die ich eigentlich längst gespürt habe.
Je mehr ich begann, mich ehrlich mit den Zusammenhängen auseinanderzusetzen, desto klarer wurde mir: Vegetarisch zu leben war für mich nicht das Ende der Entwicklung, sondern nur ein Zwischenschritt. Ein Versuch, bewusster zu handeln – ohne schon bereit zu sein, wirklich hinzusehen.
Und genau dort begann die eigentliche Veränderung.
Je mehr ich mich mit den Zusammenhängen beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass ich noch immer Dinge ausblendete. Dass Mitgefühl nicht an einer bestimmten Grenze aufhören kann, nur weil es gesellschaftlich bequemer ist.
Ich konnte es irgendwann nicht mehr ignorieren.
Und in dem Moment wurde mir bewusst:
Wenn ich ehrlich zu mir selbst sein möchte, muss ich konsequent handeln.
Vegan zu leben ist kein Verzicht für mich – sondern Befreiung
Viele Menschen reagieren bis heute ähnlich, wenn sie erfahren, dass ich vegan lebe:
„Das ist bestimmt schwierig.“
Meine Antwort darauf lautet inzwischen immer: „Nein. Es ist befreiend.“
Denn vegan zu leben, bedeutet für mich nicht Verzicht. Es bedeutet Klarheit, Ehrlichkeit und Haltung.
Die Entscheidung, mein Leben nicht länger auf Kosten anderer Lebewesen zu führen, war für mich schließlich die einzig logische Konsequenz. Nicht aus Perfektion. Sondern aus Bewusstsein.
Und genau deshalb geht es für mich bei Veganismus auch nicht nur um Ernährung.
Es geht darum, wie wir leben möchten. Was wir unterstützen. Welche Werte wir vertreten.
Wie bewusst wir mit unserer Umwelt, mit Tieren und letztlich auch mit uns selbst umgehen.
Veganismus ist für mich keine Ernährungsform und auch kein Trend.
Es ist (m)eine Haltung.
Fast 40 Jahre später
Heute ist vegan sichtbar geworden.
Es gibt pflanzliche Alternativen in Supermärkten, Restaurants und Cafés. Begriffe wie Nachhaltigkeit, Tierethik oder bewusster Konsum sind längst Teil gesellschaftlicher Diskussionen geworden. Vieles hat sich verändert.
Aber der Grund, warum ich diesen Weg gewählt habe, ist immer derselbe geblieben.
Mitgefühl.
Vielleicht teile ich meine Geschichte deshalb heute öffentlich. Nicht, weil sie außergewöhnlich ist. Sondern weil sie ehrlich ist. Weil ich glaube, dass Veränderung nicht durch Druck entsteht – sondern durch Bewusstsein.
Vielleicht erkennst du dich in manchen Gedanken wieder. Vielleicht bringt dich dieser Artikel zum Nachdenken. Oder einfach dazu, genauer hinzuschauen.
Ich teile hier mein Leben als Veganerin in einer nicht-veganen Welt.
Mit allem, was dazugehört: Alltag, Tiere, Gedanken, Erfahrungen – und natürlich auch Essen.
Und vielleicht hilft dir meine Geschichte dabei, deinen eigenen Weg klarer zu sehen.
Veganismus beginnt nicht auf dem Teller
Sondern mit der Frage, wie wir leben möchten.
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