Neulich stand ich im Supermarkt an der Kasse. Vor mir stapelte ein Mann Fleisch, ein abgepacktes Huhn, Wurst und Käse auf das Kassenband, während ich meine Haferflocken und Linsen zurechtschob – eigentlich nichts Ungewöhnliches für mich als Veganer. Und doch, in solchen Momenten, spüre ich die Kluft zwischen meinem Alltag und der Welt um mich herum besonders deutlich.
Empathie – der leise Kern des Menschseins
Der Mensch: biologisch betrachtet ein Säugetier der Art Homo sapiens, hochintelligent, anpassungsfähig und fähig, komplexe Kulturen zu erschaffen. Sozial betrachtet: ein Wesen, das in Gemeinschaft lebt, Beziehungen pflegt und die Welt durch Sprache und Werkzeuge gestaltet.
Und dann ist da noch die Empathie – das Vermögen, sich einzufühlen. Sie ist die Grundlage für Beziehungen, für Mitgefühl und letztlich auch für ein respektvolles Zusammenleben mit anderen Menschen, Tieren und der Natur.
Kindliche Offenheit – was wir vergessen haben
Jeder von uns trägt diese Fähigkeit von Geburt an in sich. Ich erinnere mich daran, wie Kinder mit leuchtenden Augen Tiere streicheln, sie knuddeln oder beschützen wollen. Sie kennen noch keine von uns geschaffenen Kategorien wie „Nutztier“ und „Haustier“. Empathie ist uns also nicht fremd – sie ist uns angeboren. Sie ist der erste Reflex unseres Herzens.
Ein Kind kennt kein Töten. In seiner Welt sind Tiere Gefährten, keine Opfer. Es würde weder ein Kalb von seiner Mutter trennen noch einem Tier bewusst Schmerzen zufügen. Für Kinder sind alle Tiere Begleiter, mit denen man das Leben teilt, nicht nimmt. In ihren Augen sind Tiere Freunde, die man schützt.
Und doch – als Erwachsene akzeptieren wir es still und geben den Auftrag zum Töten – ohne es direkt auszusprechen, Tag für Tag. Nicht mit den eigenen Händen, sondern durch unsere Kaufentscheidungen. Im Restaurant, im Supermarkt oder beim Online-Shopping, ganz alltäglich.
Die Zahlen sind erschütternd: 220 Millionen Landtiere sterben täglich in Schlachthöfen. Rechnet man die Fischerei hinzu, sprechen wir von 3,4 bis 6,5 Milliarden Tieren – pro Tag.
Und doch zucken viele Menschen mit den Schultern. Es ist weit weg, unsichtbar, anonymisiert.
Darum schreibe ich diese Gedanken nieder – weil sie mich selbst immer wieder ins Herz treffen und mir vor Augen führen, was mir wirklich wichtig ist.
Warum also verlieren wir diese kindliche Empathie?
Vielleicht, weil wir in einer Welt leben, die uns mit Fakten und Widersprüchen überflutet, bis wir sie irgendwann als „normal“ hinnehmen.
Und gerade deshalb möchte ich hier ein paar dieser Widersprüche teilen – nicht als bloße Statistik, sondern weil sie mich jedes Mal neu bewegen und mir bewusst machen, wie widersprüchlich unsere Welt ist.
Wohlstand und Mangel – alltägliche Widersprüche
Ich lebe in einem Land, in dem ich mehr als genug zum Leben habe. Dieser Wohlstand, denn ich genießen darf, bringt jedoch seine eigenen Schattenseiten hervor. Statistisch gesehen, zähle ich zu den 91 % der Menschheit, die nicht in sogenannter „extremer Armut“ leben. Heute unterscheidet man zwischen extremer, absoluter, relativer und sogar gefühlter Armut. Allein dieser Umstand zeigt mir: Es reicht uns offenbar nicht mehr, nur „arm“ zu sein.
Währenddessen wir das Elend in unsere Welt in Kategorien zerlegen, verhungern jährlich rund 830 Millionen Menschen. Gleichzeitig werfen wir weltweit aber etwa 1 Milliarde Tonnen Lebensmittel weg. Ein grotesker Widerspruch, der kaum drastischer sein könnte.
Ein Blick auf die Tierhaltung zeigt mir, dass jährlich rund 750 Milliarden Tiere sterben, um mitunter den Fleischhunger der Menschen zu stillen. Die Welt produziert über 3 Milliarden Tonnen Getreide – der Großteil davon dient als Tierfutter. Würden wir dieses Getreide direkt als Lebensmittel nutzen, könnten das alle Menschen satt machen. Mir ist klar, dass ein veganer Lebensstil für die ganze Welt aus heutiger Sicht unrealistisch klingt. Aber schon eine deutliche Reduktion tierischer Produkte könnte viel bewirken – weniger Futter, das erst durch Tiere „umgewandelt“ werden muss, weniger Tierleid, reduzierte Belastung für Regenwälder und Böden. Und gleichzeitig mehr Nahrung, die direkt Menschen erreicht, die sie so dringend brauchen.
Stattdessen roden wir weiter Regenwälder und zerstören Ökosysteme, nur um Tiere zu mästen, deren Fleisch uns eigentlich krank macht.
Wenn Überfluss krank macht
In Österreich sind laut aktuellem Ernährungsbericht rund 40 % der Erwachsenen übergewichtig oder adipös. Zu viel Zucker, Fett und Salz, zu wenig Vitamine, Ballaststoffe und frische Lebensmittel. Wir essen zu viel Fleisch und Süßes, aber zu wenig Obst, Gemüse und Vollkornprodukte.
Die Folge: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Fettleber – klassische Wohlstandskrankheiten. Krankheiten, die uns nicht überfallen, sondern die wir uns Tag für Tag selbst anessen.
Und nicht nur das: Durch diesen Lebensstil steigt auch die Zahl an Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien stetig an. Immer mehr Menschen reagieren empfindlich auf Gluten, Laktose oder bestimmte Zusatzstoffe – Beschwerden, die eng mit unserem überverarbeiteten, einseitigen Essverhalten verbunden sind.
Wir leben so gesehen in einer Welt, in der Menschen an Überfluss krank werden, während andere am Mangel sterben.
Antibiotika – Fortschritt mit Ablaufdatum?
Und als wäre das nicht genug, stolpern wir auch in der Medizin in die nächste Sackgasse. Seit der Entdeckung des Penicillins 1928 hat die Menschheit ein mächtiges Werkzeug gegen bakterielle Infektionen. Doch wir setzen es leichtfertig aufs Spiel: 70 % der weltweit produzierten Antibiotika – insgesamt über 40.000 Tonnen pro Jahr – gehen in die Fleischproduktion.
Häufig nicht, um kranke Tiere zu heilen, sondern prophylaktisch oder gar zur Wachstumsförderung. Dass Resistenzen entstehen, wundert dann kaum. Ich frage mich oft: Wohin soll uns das führen? Werden wir in einigen Jahren in einer Welt leben, in der eine einfache Lungenentzündung wieder tödlich sein kann? Gefährden wir uns dadurch nicht selbst – und sägen sehenden Auges am Ast, auf dem wir sitzen?
Die kleine Geste der Menschlichkeit
Manchmal frage ich mich, was trauriger ist: die nackten Zahlen oder die Gleichgültigkeit. In Cafés, beim Wandern, in der Arbeit – so viele Menschen scheinen verschlossen durch den Tag zu gehen, gefangen in ihrer eigenen Welt, abgelenkt vom Handy, vom nächsten To-do, vom endlosen Scrollen durch soziale Medien.
Neulich beim Wandern begegnete ich einem Paar mit einem kleinen Kind. Ich grüßte, doch sie gingen wortlos vorbei, jeder in Gedanken, jeder für sich. Später im Zug sah ich wieder dieselbe Szene: Menschen mit gesenkten Köpfen, vertieft in ihre Bildschirme. Niemand hob den Blick, niemand sah den anderen an.
In solchen Momenten frage ich mich: Wann haben wir aufgehört, uns gegenseitig wahrzunehmen? Früher war es selbstverständlich, beim Vorbeigehen zu grüßen, zu lächeln, für einen Augenblick stehenzubleiben. Heute wirkt Freundlichkeit fast wie ein Fremdkörper.
Doch Empathie beginnt nicht mit großen Gesten. Sie beginnt klein – mit einem Lächeln, mit einer geöffneten Tür, mit echtem Zuhören. Mit der Entscheidung, hinzusehen, statt wegzuschauen – bei den Mitmenschen, bei den Tieren, bei all den Krisen, die unsere Welt bewegen.
Hoffnung – in kleinen Schritten
Hat die Menschheit also Empathie und Verstand bereits verloren? Ich weiß es nicht. Aber ich merke, dass mich diese Frage immer wieder beschäftigt. Vielleicht, weil ich mir wünsche, dass wir noch nicht an dem Punkt sind, an dem alles verloren ist.
Ich selbst versuche, mein Leben bewusst zu gestalten – nicht perfekt, aber im Einklang mit meinen Werten. Vegan zu leben ist für mich ein Ausdruck von Empathie: gegenüber Tieren, gegenüber der Natur, gegenüber den Menschen, die hungern, während wir Futtermittel verschwenden. Ich weiß, dass ich damit nicht die Welt rette. Aber ich merke: Jeder Einkauf, und jede Mahlzeit hat Bedeutung.
Und ich spüre, auch kleine Schritte können einen Unterschied machen: ein Lächeln für einen Freund oder Fremden, ein freundliches Wort, ein achtsamer Einkauf. Es sind diese scheinbar winzigen Momente, in denen ich spüre, dass Empathie noch da ist. Vielleicht schläft sie nur – und wir müssen sie wieder wecken.
„Vielleicht besteht die Hoffnung darin, dass wir uns erinnern, wie viel Mitgefühl eigentlich in uns steckt – und dass wir lernen, es wieder nach außen zu tragen.“