Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip

Wie wir uns die Welt erklären, damit Mitgefühl nicht nötig wird …

Manchmal erinnere ich mich noch an Zeiten, in denen ich der festen Überzeugung war, je genauer, besser und – manchmal – auch lauter ich meine Werte vertrete, desto mehr Menschen würden erkennen, wie falsch es ist, welch großes Leid der Mensch den Tieren durch seine Art zu leben und sein Handeln zufügt.

Schnell lernte ich die gängigen Argumente kennen, die gegen ein veganes Leben sprechen sollten. Auf jedes einzelne war ich „vorbereitet“ und hielt mit Zahlen, Bilder und Argumente standhaft und vehement dagegen. Dennoch ging ich aus diesen Unterhaltungen stets aufgewühlt, zornig oder frustriert heraus.

Mein Verstand konnte und wollte nicht begreifen, warum meine Argumente offenbar nicht überzeugend genug war.  Wie kann es sein, dass „nur ich“ das Leid der Tiere sehe und fühle? Wie kann es sein, dass andere es mit einem Achselzucken – fast unberührt und selbstverständlich – hinnehmen? Ich vergleiche dieses sinnlose Aufeinanderprallen von Argumenten und Gegenargumenten gerne mit Schaukeln – es hat sich zwar was bewegt, aber weitergebracht hat es niemanden.

Wenn ich heute Gespräche über vegane Ernährung bzw. veganes Leben mit all den dazugehörenden Facetten führe, tue ich das nur, wenn ich spüre, dass ein Geleichgewicht an gegenseitigem Interesse gegeben ist. Ein Interesse, die Denkweisen des anderen hören, sehen und akzeptieren zu wollen – ohne dessen Handeln ändern zu wollen.

Seither sind es– weniger – aber wertvollere Gespräche geworden, die jeden auf seine Art weiterbringen können – individuell auf dem momentan eingeschlagenen Weg.

Einige meiner Lieblingsargumenten, die gegen ein veganes Leben gerne geltend gemacht werden, möchte ich hier trotzdem anführen.

„Wenn wir alle vegan leben, dann würden die Tiere – gemeint sind wohl hier die sogenannten Nutztiere – aussterben. Und alle Landwirte wären arbeitslos.“

Erst kürzlich haben mich junge Menschen genau auf diese „schwerwiegenden Folgen“, die vegane Ernährung für unsere Tier- und Umwelt mit sich bringt, angesprochen. Und dass es doch nicht in meinem Interesse sein könnte, dass Tiere aussterben.

Auf mein Frage, wie sie zu dieser Meinung kommen würden, hat sich herausgestellt, dass sie im Vorfeld in der Schule mit ihrem Lehrer darüber gesprochen haben. Dieser habe ihnen die Folgen von sich ausbreitendem Veganismus mit eben diesen Argumenten erklärt.

Warum ich das hier erwähne? Sollte Schule junge Menschen nicht auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereiten? Sollten Dinge nicht objektiv dargestellt werden, mit allen Für und Wider? Sollten junge Menschen nicht dahingeführt werden, eigene Meinungen treffen zu können? Sollten nicht so viele Wege wie möglich aufgezeigt werden? Sollten wir jungen Menschen nicht wieder vertrauen ihren Weg eigenständig wählen zu können? Ist alles andere nicht ein Drängen und Formen in eine einheitliche vorgegebene Richtung? …..

Wie auch immer, ich begann die Erläuterung meines Standpunktes mit Bezug auf die Fragen:

„Was wird mit den Tieren, wenn wir aufhören sie zu essen? Sterben die dann alle aus?“

Die Viehwirtschaft würde massiv schrumpfen – im besten Fall tatsächlich zur Gänze verschwinden. Gehen jedoch Fleischindustrie und Tiere Hand in Hand?

Nein. Das tun sie nicht. Milliarden Hühner, Schweine und Rinder werden jedes Jahr gezüchtet, weil der Mensch sie nutzen will. Entfällt diese Nachfrage, werden nicht plötzlich Milliarden Tiere ohne Zuhause zurückbleiben. Es würden nach und nach schlicht weniger Tiere in ein System hineingeboren, das ausschließlich der menschlichen Nutzung dient.

Das bedeutet nicht, dass diese Tiere aussterben müssen. Einige würden in Lebenshöfen leben, andere vielleicht bei verantwortungsvollen Haltern. Alte Nutztierrassen könnten – wie heute schon viele andere Haustierrassen – bewusst erhalten werden. Sie könnten vielleicht frei in der Natur leben und dort ihren Platz im Ökosystem wieder einnehmen. Diverse Projekte in Europa zeigen bereits, wie erfolgreich und wichtig Wildweiden unter anderem für den Artenschutz sind.

Vor allem aber würden Tiere nicht mehr mit der Bestimmung geboren werden, unnatürlich viel Milch zu geben, möglichst schnell und selektiv zu wachsen oder exorbitant viele Eier zu legen.“


Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, was aus den Tieren wird, wenn wir aufhören, sie auszubeuten. Vielleicht sollten wir fragen, was aus den Tieren wird, solange wir es tun.


In dem Zusammenhang lohnt es sich zu erwähnen, dass jährlich etwa 11.000 – 58.000 Tier- und Pflanzenarten aussterben. Das sind pro Tag zwischen 130-150! Warum hält sich hier die Entrüstung der Menschheit in Grenzen?

„Und was passiert mit den Landwirten? Verlieren alle ihre Existenz?“

Vorweg – Nein.

Aber ich erlaube mir erst einmal einen Blick auf den Begriff „Landwirt“ zu werfen. Zunächst beschreibt er jemanden, der Land bewirtschaftet. Historisch war das auch seine ursprüngliche Bedeutung: Ein Landwirt war ein Mensch, der Felder bestellte, Böden pflegte und Tiere als Teil eines bäuerlichen Hofes hielt.

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die Grundnahrungsmittel anbauen und verantwortungsvoll mit der Natur umgehen. Doch wenn Tiere zu Produktionsmitteln werden, frage ich mich, ob die Bezeichnung „Landwirt“ noch alles beschreibt, was tatsächlich geschieht. Sie erzählt von Feldern und Ernten – aber kaum von Stallanlagen, Zuchtprogrammen, künstlicher Besamung oder Schlachtterminen.

Die Arbeit der Landwirte würde sich wieder mehr auf den Ackerbau konzentrieren – und somit weiterhin die Produktion von Lebensmitteln sicherstellen.

Doch selbst wenn man akzeptiert, dass sich die Landwirtschaft verändern würde, folgt meist sofort die nächste Frage:

„Womit düngen wir dann unsere Felder?“

Diese Frage höre ich oft, wenn es um eine nachhaltige vegane Landwirtschaft geht. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Gülle unverzichtbar sei. Doch sie übersieht einen entscheidenden Punkt: Gülle fällt heute vor allem deshalb in riesigen Mengen an, weil Milliarden Tiere gehalten werden. Sie ist kein Geschenk der Natur, sondern ein Nebenprodukt der Tierhaltung – und vielerorts bereits ein Umweltproblem, weil mehr Gülle entsteht, als Böden aufnehmen können.

Noch etwas wird dabei häufig vergessen: Ohne Tierhaltung müssten wir längst nicht mehr dieselben Mengen an Getreide, Mais, Soja oder Hülsenfrüchten anbauen. Ein großer Teil unserer Äcker dient heute nicht der Ernährung von Menschen, sondern der Fütterung von Tieren. Weltweit werden rund 41 % der Getreideernte als Tierfutter verwendet, während weniger als die Hälfte direkt auf unseren Tellern landet.

Auch der Flächenverbrauch zeigt, wie groß dieser Unterschied ist: Etwa 80 % der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche werden für die Tierhaltung genutzt – entweder als Weideland oder für den Anbau von Futtermitteln. Trotzdem liefern Fleisch und Milchprodukte nur einen vergleichsweise kleinen Anteil der weltweiten „Kalorienversorgung“.

Würden wir Tiere nicht mehr zur Lebensmittelproduktion züchten, müssten wir also deutlich weniger Futtermittel anbauen. Die Landwirtschaft würde sich grundlegend verändern. Damit würde auch der Bedarf an Düngemitteln sinken, weil wesentlich weniger Fläche intensiv bewirtschaftet werden müsste.

Hinzu kommt, dass Pflanzen nicht auf Gülle angewiesen sind. Sie benötigen Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor und Kalium – unabhängig davon, ob diese aus tierischen oder pflanzlichen Quellen stammen. Diese Nährstoffe können beispielsweise durch Gründüngung mit Klee oder Luzerne, Zwischenfrüchte, Kompost aus pflanzlichen Reststoffen, Ernterückstände oder aufbereitete organische Recyclingdünger bereitgestellt werden. In der veganen Landwirtschaft werden genau solche Kreisläufe bereits genutzt, ohne Tiere als Düngerproduzenten einzusetzen.

Vielleicht lautet die eigentliche Frage deshalb nicht: „Wodurch ersetzen wir die Gülle?“ Sondern: „Warum produzieren wir überhaupt so viel Gülle, dass wir glauben, ohne sie nicht mehr Landwirtschaft betreiben zu können?“

Die Landwirtschaft einer mitfühlenden Zukunft müsste nicht einfach das heutige System ohne Tiere kopieren. Sie könnte kleiner, effizienter und kreislauforientierter sein – weil sie nicht mehr zuerst Milliarden Tiere ernähren müsste, um anschließend Menschen zu ernähren.

„Warum muss veganes Essen so heißen wie das tierische Deponat?“

„Der Mensch hat immer schon Fleisch von Tieren gegessen – das ist normal.“

„Ohne tierische Produkte würden wir krank werden.“

„Die Kuh muss doch ohnedies gemolken werden.“

„Das Huhn legt jeden Tag ein Ei – was soll denn dann damit passieren?“

„Die Tiere brauchen uns Menschen.“

„Ich esse nur ganz wenig Fleisch.“

„Ich esse nur Fleisch von Tieren, wo ich weiß, dass sie gut gelebt haben.“

„ usw. …“

Manchmal scheint der Mensch Weltmeister darin zu sein, Argumente zu finden, die sein eigenes Handeln rechtfertigen. Es ist oft leichter, sich etwas schönzureden, als Gewohnheiten zu hinterfragen – oder sie sogar zu verändern. Die vertraute eigene „Bubble“ zu verlassen, bedeutet möglicherweise Unsicherheit. Vielleicht sogar die Angst, feststellen zu müssen, dass man sich jahrelang geirrt hat.

Warum sollte man also ein System verlassen, das scheinbar gut funktioniert? Solange es den eigenen Alltag bequem macht und das Gewissen beruhigt, gibt es keinen offensichtlichen Grund, es infrage zu stellen.

Manchmal erinnert mich das an Pippi Langstrumpfs Lied:

„Zwei mal Drei macht Vier, widdewiddewitt und Drei macht Neune. Ich mach mir die Welt, widdewiddewie sie mir gefällt …“

Nur dass diese Haltung in der Realität einen entscheidenden Unterschied hat: Unsere Welt gestalten wir nicht allein. Unsere Entscheidungen haben Folgen – für andere Menschen, für Tiere und für den Planeten.

Wer es sich in seiner ganz persönlichen „Villa Kunterbunt“ gemütlich gemacht hat, verlässt sie nur ungern. Denn draußen wartet nicht nur eine andere Sicht auf die Welt. Dort wartet auch die Möglichkeit, das eigene Denken und Handeln neu bewerten zu müssen. Und genau das ist anfangs oft der unbequemste Schritt.


Die schwierigste Grenze verläuft oft zwischen dem, was man schon immer geglaubt hat, und dem, was man bereit ist, neu zu erkennen.


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