Es gibt Bücher, die wirken wie eine frische Brise: Sie rütteln nicht an unseren Gewohnheiten, um zu verurteilen, sondern öffnen ein Fenster in eine Welt, die gleichzeitig fremd und faszinierend vertraut erscheint. Einst aßen wir Tiere von Roanne van Voorst ist genauso ein Buch.
Die niederländische Anthropologin und Zukunftsforscherin nimmt den Leser mit auf eine Reise in eine Zeit, in der es ganz normal ist, keine Tiere mehr zu essen.
Von dort aus richtet sich der Blick zurück auf unsere Gegenwart – und plötzlich wirkt vieles, was heute selbstverständlich ist, so befremdlich wie das Rauchen in Flugzeugen, wie Kinderarbeit, wie Sklaverei oder Schwarz-Weiß-Fernsehen.
Die Zukunft als Spiegel der Gegenwart
Roanne van Voorst schreibt aus einer Welt, in der die „Eiweißrevolution“ längst passiert ist. Fleisch aus Tieren nur noch in Museen oder nostalgischen Kochkursen existiert. Dieser Blick aus der Zukunft wirkt nicht belehrend, sondern lädt zum gedanklichen Experiment ein.
Geschichten, die Veränderung greifbar machen
Auf dieser Reise begegnet man Menschen mit inspirierenden Portraits:
- Ein ehemaliger Milchbauer, der heute Hafermilch produziert und lachend erzählt, wie skeptisch er am Anfang war.
- Eine Köchin, die aus Hülsenfrüchten und Gewürzen Gerichte zaubert, die selbst passionierte Steak-Liebhaber zum Staunen bringen.
- Start-up-Gründer, die in Hightech-Laboren Burger entwickeln, die nach Fleisch schmecken – ohne dass je ein Tier dafür sterben musste.
Historische Rückblicke – von den ersten vegetarischen Bewegungen bis zum heutigen Boom von Fleisch- und Milchersatzprodukten spannt Van Voorst einen Bogen, der zeigt, dass Wandel schon immer Teil unserer Ernährungsgeschichte war.
Warum Veränderung oft mit Geschichten beginnt
Dazwischen zeigt die Autorin, wie tief Essgewohnheiten kulturell verankert sind. Sie erklärt den Begriff Karnismus – jenes unsichtbare System, das Fleischessen als normal, notwendig und natürlich erscheinen lässt – und macht deutlich, wie Werbung, Sprache und Tradition unsere Wahrnehmung geprägt haben.
Doch anstatt zu verurteilen, lädt sie ein, diese Muster zu erkennen, sowie sich diese Dinge bereits im Wandel befinden.
Ein roter Faden zieht sich durch das Buch: Fakten allein verändern selten unser Verhalten. Es sind Geschichten, Bilder und konkrete Beispiele, die uns neue Möglichkeiten vorstellbar machen.
Van Voorst beschreibt etwa, wie in manchen Großstädten vegane Restaurants nicht mehr „die Ausnahme“ sind, sondern zur kulinarischen Normalität gehören. Oder wie Start-ups in Laboren Burger entwickeln, die nicht nur wie Fleisch schmecken, sondern tatsächlich Fleisch sind – nur eben ohne Tierhaltung.
Diese Geschichten machten mir Mut, weil sie zeigen: Der Wandel passiert nicht irgendwann, sondern jetzt.
Genuss statt Verzicht
Viele Bücher zum Thema pflanzenbasierte Ernährung fokussieren sich stark auf einen einzelnen Aspekt – entweder auf Klima und Umwelt, auf Gesundheit oder auf Ethik. Van Voorst hingegen behandelt alle drei Dimensionen, ohne sie gegeneinander auszuspielen:
Was sie besonders auszeichnet: Sie spricht nicht von Verzicht, sondern von Gewinn.
- Gewinn an Geschmack, weil pflanzliche Küche heute kreativer und vielfältiger ist als je zuvor.
- Gewinn an Gesundheit, weil wir frischer, bunter und ausgewogener essen können. Gleichzeitig warnt sie vor dem Irrtum, dass „vegan“ automatisch „gesund“ bedeutet.
- Gewinn für unseren Planeten, weil weniger Tierhaltung bedeutet: weniger Emissionen, weniger Flächenverbrauch, mehr Lebensraum für Wildtiere.
Essen bleibt dabei mehr als bloße Nahrungsaufnahme – es ist Gemeinschaft, Kultur und Identität, nur in neuer Form.
Die Frau hinter dem Buch
Roanne van Voorst (*1983 in Utrecht) ist Anthropologin, Zukunftsforscherin und Präsidentin der Dutch Future Society. Sie lehrt an der Universität Amsterdam, hat in vielen Teilen der Welt geforscht – von den arktischen Gletschern bis zu indonesischen Dörfern – und sich dabei immer mit einer zentralen Frage beschäftigt: Wie können wir heute Entscheidungen treffen, die unsere Zukunft lebenswerter machen?
Ihre Stärke liegt darin, komplexe gesellschaftliche Themen so zu erzählen, dass sie greifbar und spannend werden – so wie in dem Sachbuch „Einst aßen wir Tiere“, das leicht zu lesen, aber tief in der Wirkung ist.
Warum dieses Buch motiviert
Wir leben in einer Zeit, in der Ernährungsthemen immer wieder emotional und polarisierend diskutiert werden. Die Stärke von Van Voorsts Buch liegt darin, dass es diese Fronten umgeht. Sie schreibt weder für „die Veganerinnen“ noch für „die Fleischesserinnen“ – sondern für alle, die neugierig auf die Zukunft sind.
Es ist ein Buch, das nicht mit Verboten arbeitet, sondern mit Möglichkeiten. Und genau das macht es so motivierend: Es weckt Lust, selbst Teil einer positiven Veränderung zu sein – in dem Tempo und in dem Maß, das für jeden passt.
Eine Einladung, das Morgen zu schmecken
Einst aßen wir Tiere ist mehr als ein Sachbuch über Ernährung – es ist ein Zukunftsentwurf, der Lust macht, Neues auszuprobieren. Ohne Druck, ohne Dogma, aber mit einer großen Portion Optimismus. Vielleicht sagen wir in einigen Jahrzehnten wirklich: „Einst aßen wir Tiere.“
Und vielleicht erinnern wir uns dann daran, dass die ersten Schritte in diese Zukunft damit begonnen haben, dass wir uns trauten, sie uns vorzustellen.