Zeitgemäße Ernährung: Omnivor als Standard noch passend?

Wenn ich mir den österreichischen Ernährungsbericht 2017 durchlese, fällt mir eine Sache sofort auf: Die gesamte Untersuchung basiert auf einer omnivoren Ernährungsweise. Also auf dem, was wir als „Mischkost“ kennen – mit Fleisch, Milchprodukten, Eiern, pflanzlichen Lebensmitteln und allem, was dazugehört.

Es wundert mich nicht, denn genau diese „ausgewogene Mischkost“ wird in Österreich seit über 65 Jahren als optimale Ernährung empfohlen. Sie bildet die Grundlage der offiziellen Ernährungspyramide, der D-A-CH-Referenzwerte und vieler nationaler Empfehlungen, die wissenschaftlich fundiert, alltagstauglich und auf langfristige Gesundheit ausgerichtet sind. 

Mein innerer Konflikt

Ich habe mich vor vielen Jahren bewusst und aus Überzeugung für eine vegane Ernährung entschieden. Ein Grund mehr, der mich die Zahlen des Ernährungsberichts aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachten lässt. Nicht, um zu beweisen, dass vegan „besser“ ist – sondern um zu verstehen: Wie gesund ist das omnivore Modell wirklich? Wie passt dieses „Ideal“ noch zur heutigen Zeit? Oder wäre es nicht an der Zeit, unser Verständnis von gesunder Ernährung grundsätzlich zu hinterfragen.

Dieses Spannungsfeld zwischen Gewohnheit und innerer Stimme habe ich auch in meinem Text „Essen mit gutem Gewissen“ beschrieben – einem persönlichen Blick auf Genuss, Verantwortung und bewusste Ernährung.

Omnivore Realität in Österreich: Ein nüchternes Bild

Der Bericht zeigt klar: Was gegessen wird, weicht oft stark von den Empfehlungen ab – und das bei einer Ernährung, die als Standard gilt.

Ein paar Fakten, die mich wirklich nachdenklich gemacht haben:

  • Zucker: 89 % der Frauen und 81 % der Männer überschreiten den WHO-Grenzwert für freien Zucker.
  • Fett macht bei uns im Schnitt über 36 % der Energiezufuhr aus – empfohlen sind 30 %.
  • Kohlenhydrate kommen bei den meisten zu kurz – nur 45,3 % der Energie statt der empfohlenen 50–60 %.
  • Ballaststoffe: Nur 14 % erreichen die empfohlenen 30 g pro Tag.
  • Gesättigte Fettsäuren: Fast 94 % nehmen mehr auf als empfohlen.
  • Fleischkonsum: Männer essen dreimal so viel Fleisch wie gesundheitlich angeraten.
  • Gemüse und Obst: Nur rund zwei von fünf empfohlenen Portionen werden täglich gegessen.

Dass Fleischkonsum keine neutrale Handlung ist, sondern immer eine bewusste Entscheidung, habe ich auch in „Fleisch essen ist eine Entscheidung“ reflektiert.

Gleichzeitig besteht Mangel bei essenziellen Mikronährstoffen wie:

  • Vitamin D – unzureichend bei fast allen
  • Folat – unterversorgt bei über 70 % der Frauen
  • Jod – über 85 % erreichen die empfohlene Menge nicht
  • Kalium – weit unter dem Schätzwert
  • Kalzium – über 75 % der Frauen liegen unter der Empfehlung
  • Eisen: Gerade jüngere Frauen unterschreiten hier oft den Bedarf.

Und das alles trotz des vollständigen Lebensmittel-Spektrums, das eine omnivore Ernährung theoretisch bietet.

Wie selbstverständlich tierische Produkte unseren Alltag prägen, habe ich in „Tierisches im Alltag“ näher beschrieben.

Vegan – automatisch besser? Nein. Aber anders.

Auch als Veganer wird man automatisch immer gewisse Nährstoffen hingewiesen, die ohne Aufnahme von tierischen Produkten „problematisch“ werden könnten – zum Beispiel Vitamin B12, Jod, Kalzium, Vitamin D und manchmal auch Eisen.

Aber mit der richtigen Auswahl an pflanzlichen Lebensmitteln ist eine Vegane Ernährung bestens machbar. Dinge wie grünes Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Vollkorn, Obst, Tofu, ab und zu mal ein Algenprodukt – das alles gehört bei mir ganz selbstverständlich dazu. Das landet bei mir automatisch auf dem Teller. Ohne groß zu planen, ohne Nährstofftabellen. Es ist einfach mein Alltag – nur eben ohne Fleisch.

Bei Dingen wie Ballaststoffen, Vitamin C, Folat oder ungesättigten Fettsäuren ist man mit einer pflanzlichen Ernährung automatisch gut dabei. Das ist also gar nicht so kompliziert, wie viele vielleicht denken und es auch oft dargestellt wird.

Zudem zeigen Studien, dass Vegan-Ernährte seltener unter Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhtem Cholesterin oder Typ-2-Diabetes leiden. Die EPIC-Oxford-Studie, Adventist Health Study und Positionen der Academy of Nutrition and Dietetics bestätigen das seit Jahren.

Der Denkfehler der „Ausgewogenheit“

Was mich beim Lesen des Ernährungsberichtes am meisten irritiert: die omnivore Ernährung wird im Bericht als „ausgewogen“ beschrieben – aber nur, wenn sie ideal umgesetzt wird. Das heißt: Wenig Fleisch, viel Gemüse, kaum Zucker, hochwertige Fette, Vollkorn, Hülsenfrüchte, wenig Alkohol usw.

Aber, mal ganz ehrlich: So isst doch kaum jemand.

Der Bericht zeigt doch, dass die Realität ganz anders aussieht. Mehr Zucker, mehr Fleisch, mehr Fett – weniger Ballaststoffe, weniger Obst und Gemüse. Trotz jahrzehntelanger Aufklärung, Broschüren, Kampagnen und Pyramiden.

Die omnivore Ernährung funktioniert in der Praxis offenbar nicht so, wie sie auf dem Papier gedacht ist. Und das macht mich nachdenklich.

Zeit für neue Wege?

Wenn ein System über Jahrzehnte als „gesund“ gilt, aber in der heutigen Umsetzung regelmäßig zu Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Mangelernährung führt – darf man dann nicht fragen, ob es noch zeitgemäß ist?

Ich finde: Ja, das darf man. Und man sollte es auch.“

Vielleicht ist es an der Zeit, unsere Vorstellungen von „gesund essen“ neu zu denken.  Die Welt hat sich verändert – und mit ihr auch unser Körper, unser Lebensstil, unsere Umwelt.

Die Zahlen im Ernährungsbericht sprechen eine deutliche Sprache: Auch oder gerade mit einem „Alles-ist-erlaubt“-Ansatz schafft es die Mehrheit nicht, sich gut zu versorgen. Viele Gesundheitsprobleme sind anscheinend keine Frage des Verzichtes – sondern der falschen Gewohnheiten. Vielleicht wäre ein stärker pflanzenbasierter Fokus – egal ob vegan, vegetarisch oder flexitarisch – längst überfällig.

Denn eine Ernährung, die weniger Tierisches enthält, mehr Ballaststoffe liefert, weniger gesättigte Fette, dafür mehr Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe – ist nicht nur gut für die Gesundheit, sondern auch für Umwelt, Klima und Tiere.

Meine Meinung: Gesund essen darf sich ändern

Ich wünsche mir eine ehrliche Diskussion darüber, was gesunde Ernährung heute wirklich bedeutet. Der Ernährungsbericht 2017 – offiziell beauftragt vom Gesundheitsministerium – zeigt sehr klar: Das Bild der „optimalen Mischkost“ hat Risse bekommen.

Vielleicht ist es an der Zeit, neue Wege zu gehen. Oder zumindest alte Wege zu hinterfragen.

Denn gesund zu essen, darf leicht sein. Und es darf sich ändern.

Wenn dich diese Gedanken begleiten, findest du weitere Reflexionen zu bewusster Ernährung in meinen Artikeln Essen mit gutem Gewissen, und Fleisch essen ist eine Entscheidung.

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