Wie Neugier meinen Blick auf Produkte, Konsum und das Dahinter verändert hat
Ich mache mir heute über viele Dinge Gedanken, die ich früher kaum wahrgenommen habe und einfach da waren, oder als „normal“ galten. So habe ich festgestellt, dass ich in den letzten Jahren immer neugieriger wurde. Ich will Menschen, Handlungen, Prozesse oder Dinge verstehen. Etwa so, wie ein heranwachsendes Kinder, dass alles hinterfragt – und Erwachsene damit schon mal in eine leichte Verzweiflung bringt, weil die Antworten auf das „WARUM“ oft nicht mehr greifbar sind. Früher oder später schläft bei einem Großteil der Kinder offenbar diese so herrlich natürliche Neugier ein, und man fügt sich nahtlos dem „Strom der Gesellschaft“ ein. Hier frage ich mich schon wieder: Warum?
Warum hören wir auf zu fragen?
Vielleicht liegt es zunächst einmal an dem Vertrauen, das man in das Tun und Handeln der Eltern und Familie hat. Vertrauen ist schließlich die Grundlage unseres Handelns. Später im Leben vertraut man vielleicht dem Gehörten in der Schule, den Meinungen von Freunden, dem Nachrichtensprecher im Fernsehen, dem Angebot in Geschäften, diversen Influencern oder Werbung in jeglicher Form.
Wem vertrauen wir eigentlich?
Gewiss ist, wir leben heute in einer Konsumgesellschaft – in der wir zunehmend als Konsumenten und weniger als Menschen wahrgenommen werden. Dabei steht uns nicht zu wenig, sondern oft viel zu viel zur Verfügung – und genau dieses Überangebot wird zunehmend zur eigentlichen Herausforderung. Wir müssen auswählen, vergleichen und entscheiden. Und das jeden Tag aufs Neue. Dabei habe ich oft den Eindruck, dass sich immer seltener die Frage stellen: Wem oder was vertraue ich eigentlich – und warum? Stattdessen scheint mir vielmehr zu zählen, welchem Trend die meisten Menschen folgen, an dem wird sich orientiert – und gehen so einfach mit. Denn wenn viele etwas kaufen, empfehlen oder für gut befinden, dann kann es so verkehrt nicht sein, oder?
Was steht eigentlich nicht auf dem Etikett?
Mir ist bewusst, dass ein gewisses, blindes Vertrauen für den täglichen Einkauf gegeben sein sollte. Es gibt schließlich rechtliche Bestimmungen, die den Produktion- und Herstellungsprozess von Lebensmitteln im Supermarkt, Kosmetik, Kleidung, Haushaltsgeräten oder Dienstleistungen überwachen. Somit wird für den Konsumenten Sicherheit per Gesetzt garantiert. Kaum jemand würde diese Gesetze hinterfragen oder sogar anzweifeln. Bei Lebensmittel und Kosmetikartikel kann man zum Beispiel, sofern man möchte, die Inhaltssofft laut Kennzeichnungspflicht auf der Verpackung ablesen. Das Etikett am Kleidungsstück gibt Auskunft über das Material, aus dem es gefertigt wurde.
Wer trifft welche Entscheidung?
Bei mir machte sich hier meine kindliche Neugier wieder bemerkbar. Was bedeuten die Informationen, die auf ein Lebensmittel geschrieben werden? Kann ich sie überhaupt verstehen oder deuten? Wem überlässt man diesen Teil einer Entscheidung über gut, richtig oder nicht? Und vor allem welche Informationen müssen nicht auf einem Etikett stehen? Entscheidet man heute wirkliche selbst – oder entscheidet man zunehmend innerhalb dessen, was andere für uns sichtbar, begehrenswert und vertrauenswürdig gemacht habe. Hier beginnt für mich, es interessant zu werden.
Die Kunst des Marketings
Natürlich nimmt es gewisse Zeit in Anspruch, Informationen darüber zu erhalten, was hinter einem Produkt steht. Welche Schritte, Prozesse und schließlich auch Inhaltsstoffe verstecken sich hinter dem nach allen Künsten des Marketings, attraktiv verpackten Produkten. Andererseits war es wahrscheinlich noch nie so einfach wie heute im digitalen Zeitalter, an dieses Wissen zu gelangen.
An diesen Punkt einer Entscheidung sehe ich wieder klar die Parallelen mit dem Kleinkind von einst in uns. Soll ich weiter fragen „WARUM“ oder vertraue ich nun einfach dem Weg, den vor mir schon so viele gegangen sind, ohne weiter darüber nachzudenken?
Ich habe mich für das weiter FRAGEN entschieden.
Werbung – ein ständiges Grundrauschen
Vielleicht nehme ich gerade deshalb die Beeinflussung durch Werbung jeglicher Art, besonders intensiv wahr. Im Grunde sind wir einem ständigen Grundrauschen aus Werbung, Empfehlungen, Trends und Botschaften ausgesetzt. Sie begleiten uns nahezu überall und zu jeder Zeit – so selbstverständlich, dass wir oftmals gar nicht mehr bemerken, wie sehr sie unsere Wahrnehmung und vielleicht auch unsere Entscheidungen beeinflussen.“
Unter diesen Voraussetzungen ist es natürliche verführerisch, sich diesem „Rausch“ hinzugeben.
Der erste Werbespot mit der Information, welche Angebote im Supermarkt nur noch heute gültig sind, erreicht uns schon morgens beim Frühstück im Radio. Am Weg zur Arbeite erfahren wir auf Plakaten an Bushaltestellen, Werbeflächen an Gebäuden, Logos auf Fahrzeugen oder digitale Anzeigetafeln, welche Marken und Produkte besonders angesagt sind. Tagsüber werden wir mit Werbemails, Banner auf Webseiten, Werbungen in Apps, Produktplatzierungen, Empfehlungen von Influencern mit vermeintlich persönlichen Erfahrungen bei Kauflaune gehalten. Beim Einkauf im Geschäft müssen wir uns zwischen Sonderangeboten, Rabattaktionen, auffällige Verpackungen, „Bestsellern“, „Kundenlieblinge“, „nur heute“, Treuepunkte oder Produkten, die gezielt auf Augenhöhe platziert werden, entscheiden. Abends geht weiter mit Werbung: Streamingdienst, Fernsehen, YouTube oder Social Media, Kooperationen und Empfehlungen.
So macht uns Marketing Tag für Tag klar, was wir alles gerade zu einem perfekten und glücklichen Leben brauchen. Wer kann da noch nein sagen?
Zugegeben, dank meiner Neugier habe ich Dinge erfahren, die meinen Alltag nicht unbedingt leichter machen. Jedoch auf alle Fälle ehrlicher und freier. Ich begann zu fragen, wenn es zum Beispiel Zahnpasten, Körperlotion oder Shampoos gibt, die explizit als veganes Produkt zertifiziert und ausgewiesen sind – was ist mit allen anderen. Wo liegt der Unterschied zwischen einer veganen, tierversuchsfreien Zahnpasta und einer herkömmlichen? Warum sind manche Backwaren als vegan gekennzeichnet – andere nicht? Und so begann meine Entdeckungsreise durch den Dschungel von Herstellungsprozessen, Vorschriften, Gesetzte und allem, was im Verborgenen unter dem Schutzmantel des „Verbraucherschutzes“ abspielt.
Wenn ich dann am Abend beim Fernsehabend Werbespots sehe, in der zwei „küchenfertige“ Hühnchen und saftige Steaks mit „Tierwohlsiegel“ zum Sonderpreis angeboten werden, oder beste Käsequalität auf frische Gräser, Kräuter und Heu zurückgeführt wird, macht mich das unsagbar traurig und oft auch fassungslos. Denn die Tatsache, dass die beworbenen „Sonderangebote“ und deren „Qualität“ auf dem Leid und Tod von Tieren beruht, scheint nicht wichtig zu sein. Für mich ist diese – in unserer Gesellschaft und Zeit – als normal geltende Verhaltensweise oft kaum zu ertragen.
Was Werbung zeigt – und was ich sehe
Ich sehe nicht das „küchenfertige“ Huhn, sondern, die Qualen, die dieses Tier mit tausenden anderen Hühner für den Menschen aushalten musstest. Ich sehe keine „saftigen Steaks“ – ich sehe die Kühe, die zur Tötung in die Fixierbox getrieben werden. Und Käse verbinde ich nicht mit Gräser und Kräutern, sondern mit Kühen, denen ihre Kälber weggenommen werden, um deren Muttermilch für den Menschen zu Käse oder Joghurt weiterverarbeiten zu können. Ich sehe bei Kleidung nicht neue Trends, innovative Materialien und ‚superleichte‘ Beschichtungen – ich weiß, dass auch in der Kleidungsindustrie Chemikalien und Herstellungsprozesse stehen, für deren Entwicklung und Prüfung täglich Tierversuche durchgeführt werden. Ich sehe bei Kosmetik nicht strahlende Haut, glänzendes Haar und große Versprechen – ich sehe Versuchslabore und Tiere, an denen Inhaltsstoffe oder Produkte getestet werden.
Mir ist bewusst, dass sich hier zwei Ebenen kreuzen, die unterschiedlicher kaum sein können. Auf der einen Seite werden Produkte beworben, die – zumindest meistens – innerhalb eines vom Menschen festgelegten gesetzlichen Rahmen hergestellt werden. Dem gegenüber steht Leid fühlenden Lebewesen in seinen vielfältigsten Formen. Ein Leid, das möglichst weit vom „Konsumenten“ ferngehalten wird – und dennoch real ist.
Leicht ist dieser Weg, den ich bewusst gewählt habe, nicht immer. Nicht, weil ich auf so vieles verzichten müsste oder es schwierig wäre, meinen Alltag mit Rücksicht und Mitgefühl für andere Lebewesen zu leben und ihnen möglichst kein Leid zuzufügen. Schwer ist für mich vielmehr die Erkenntnis, wie selbstverständlich vieles geworden ist. Wie sehr wir auf Konsum konditioniert sind – und auf ein „NICHT FRAGEN“.
Vielleicht sollten wir wieder mehr fragen
Ich wünsche mir oft, dass die kindliche Neugier wieder Oberhand gewinnen würde. Dass wir wieder Fragen stellen – und auch bereit sind, die Antworten darauf zuzulassen. Dass wir das Denken und Entscheiden nicht anderen überlassen. Dass mehr Menschen bereit sind, die Auswirkungen des eigenen Handelns wahrzunehmen und vielleicht auch dort etwas zu verändern, wo Erkenntnis unbequem wird. Denn Gewohnheiten sind nicht in Stein gemeißelt. Wir können sie verändern und durch neue ersetzen. Durch Gewohnheiten, die mehr Rücksicht nehmen – auf andere Lebewesen, auf unsere Natur und nicht zuletzt auf unsere Mitmenschen.