„Blutfarmen“ in Island & Südamerika

Wenn trächtige Stuten zur Rohstoffquelle werden

Es ist eines jener Themen, über die kaum gesprochen wird – obwohl es mitten in unser Ernährungssystem führt. Hinter industriell erzeugtem Fleisch, hinter planbarer Massenvermehrung von sogenannten Nutztieren, verbirgt sich ein Hormon: PMSG (Pregnant Mare Serum Gonadotropin). Was technisch klingt, bedeutet in der Realität: systematische Ausbeutung trächtiger Stuten, massive Blutentnahmen und gezielte Abtreibungen. Es ist eines der brutalsten Kapitel industrieller Tierausbeutung – und viele tragen indirekt dazu bei, ohne es zu wissen.

Was ist eigentlich PMSG – und warum ist es so begehrt?

PMSG (Pregnant Mare Serum Gonadotropin), auch eCG genannt, ist ein Hormon, das ausschließlich im Blut trächtiger Stuten vorkommt.

In der industriellen Tierhaltung wird es zur Steuerung der Fortpflanzung eingesetzt – etwa um bei Schweinen, Schafen, Ziegen oder Rindern die Brunstzyklen zu steuern, Geburten zu synchronisieren und die Reproduktionsleistung von Schweinen, Schafen oder Rindern zu maximieren.

— WWF Positionspapier zum Hormoneinsatz in der Tierhaltung

Der Einsatz dient nicht dem Tierwohl, sondern wirtschaftlicher Planbarkeit.


Südamerika: Das unsichtbare Leid hinter dem Exportprodukt

In Argentinien und Uruguay existieren seit Jahrzehnten sogenannte Blutfarmen – Orte, an denen tausende trächtige Stuten ausschließlich dafür gehalten werden und systematisch ausgebeutet werden. Ihr Blut dient als Rohstoff für die PMSG-Produktion.

So läuft es dort ab:

  • Wöchentliche Blutentnahmen von bis zu 10 Litern pro Tier
  • Kaum tierärztliche Versorgung
  • Offene, unbehandelte Wunden
  • Gezielte Abtreibung der Fohlen, da PMSG nur in einer bestimmten Phase der Trächtigkeit gewonnen werden kann
  • Hohe Sterblichkeitsrate und frühzeitige Schlachtung erschöpfter Tiere

— Animal Welfare Foundation, Recherchebericht Südamerika

Diese Farmen sind kein Einzelfall, sondern ein Millionenmarkt, der von staatlicher Toleranz oder sogar Subventionen profitiert.


Island: Verlagerung des Leidens

Nachdem die Zustände in Südamerika weltweit bekannt wurden, verlagerten einige Pharmafirmen ihre Produktion nach Island – nicht, weil es dort besser wäre, sondern weil es billiger ist und weniger kontrolliert wird.

Die Realität:

  • Jährlich rund 5.000 trächtige Islandpferde
  • Tiere aus halbwilder Haltung werden eingefangen
  • Enge Fixierstände, Stress, Panikreaktionen
  • Wiederholte Blutentnahmen über Wochen hinweg

— Euronews-Reportage zur PMSG-Produktion in Island

Auch in Island geht es längst nicht mehr um Pferdezucht oder nachhaltige Tierhaltung, sondern um eine blutige Rohstoffquelle für die globale Fleisch-Industrie.


Warum diese Praxis besonders alarmierend ist

Diese Form der Ausbeutung steht in krassem Widerspruch zu dem, was wir unter Tierwohl und ethischem Umgang verstehen sollten. Zu den größten Problemen gehören:

Gewalt als System

Fixierung, Zwang, Schmerz, Angst, Panik und Verletzungen sind an der Tagesordnung.

Abtreibung als „Standardverfahren“

Die Fohlen werden gezielt abgetrieben, um die Hormonausschüttung in der optimalen Phase zu nutzen. Das ist kein „Nebeneffekt“ – sondern Teil des Geschäftsmodells.

Doppelte Tierleid-Kette

Nicht nur die Stuten leiden: PMSG führt in der Nutztierhaltung zu übergroßen Würfen, was wiederum Leid für Muttertiere und Jungtiere bedeutet.

— ICAR3R, Universität Gießen


Was bedeutet das für uns – und was können wir tun?

Viele denken beim Kauf von Fleisch, Eiern oder Milch nicht an die Herkunft von Hormonen wie PMSG – aber genau hier beginnt die Verantwortung, die wir als bewusste Konsumenten tragen:

Informieren: Wissen schafft Veränderung – je mehr Menschen von diesen Praktiken erfahren, desto stärker wird der Druck auf Politik und Industrie.

Nachhaltig entscheiden: Die bewusste Auswahl pflanzlicher Alternativen, die ohne Tierzucht und Hormone auskommen, kann den Markt nachhaltig beeinflussen.

Politik fordern: Ein EU-weiter Import- und Nutzungsstopp von PMSG ist möglich – aber er braucht öffentlichen Druck. (europarl.europa.eu)


Blutfarmen sind kein Randphänomen – sie sind Teil eines Systems

Blutfarmen stehen nicht isoliert für sich. Sie sind Ausdruck eines Systems, das Tiere zu Produktionsfaktoren macht – unabhängig davon, ob es sich um Pferde, Schweine oder Kühe handelt. Solange Effizienz und Verfügbarkeit über Tierwohl gestellt werden, entstehen Praktiken, die zwar legal sind, deren Fortbestand ethisch nicht akzeptabel ist.

Nicht alles, was erlaubt ist, ist auch vertretbar. Aufklärung schafft Sichtbarkeit – und Sichtbarkeit ist oft der erste Schritt, um Strukturen zu hinterfragen. Wer genauer hinsieht, erkennt Zusammenhänge, die im Alltag leicht verborgen bleiben. Veränderung beginnt mit Bewusstsein. Informierte Entscheidungen, Gespräche und öffentlicher Druck können dazu beitragen, Märkte und politische Prioritäten zu verschieben.


Wissenschaftlicher Hintergrund – Studien & Fachliteratur

Peer-reviewte Grundlagenstudien

  • Murphy, B. D. & Martinuk, S. D. (1991)
    Equine Chorionic Gonadotropin.
    Endocrine Reviews, 12(1), 27–44.
    (Grundlagen zur biologischen Wirkung von eCG/PMSG; DOI in Originalpublikation)
  • Combarnous, Y. (1992)
    Molecular basis of the specificity of binding of glycoprotein hormones.
    Reproduction Nutrition Development, 32(4), 291–301.
    (Biochemische Eigenschaften von eCG; DOI siehe Journal)

Anwendungs- & Tierschutzkritik

  • ICAR3R – Universität Gießen (laufende Forschung)
    Tierschutzprobleme bei der Gewinnung von PMSG
  • TVT – Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (2022)
    Stellungnahme zur Blutentnahme bei trächtigen Stuten

Filme & Dokumentationen (visuelle Belege)

„Das Blutgeschäft mit trächtigen Stuten“ – Investigativreportage aus Argentinien und Uruguay

Iceland: The Hidden Blood Business
Investigative Dokumentation über Blutfarmen in Island
 https://www.youtube.com/watch?v=Scu2BLJ4KGs

PMSG – Hormone of Double Misery
Kurzfilm über doppeltes Tierleid durch Hormonproduktion
 https://www.youtube.com/watch?v=3OX4qu1zJzw

Neuer Film: Blutstuten in Südamerika (AWF)
Aktuelle Undercover-Aufnahmen aus Argentinien & Uruguay
 https://www.animal-welfare-foundation.org/en/blog/neuer-film-ueber-das-leid-der-blutstuten-in-suedamerika

Euronews-Reportage
„How horse blood extraction is sparking controversy in Iceland“
 https://www.euronews.com/video/2022/10/27/how-the-extraction-of-horse-blood-is-sparking-controversy-in-iceland


Quellen & weiterführende Informationen

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